Die Geschichte meines Unfalls und seiner Folgen

Ich war am 28.06.1986 aktive Amateurrennreiterin, als irgendetwas geschah!
Erinnern kann ich mich nur an einen Moment in Düsseldorf. Es sind lediglich einige kurze Eindrücke, das Aufleuchten eines Bildes in meinem Bewusstsein.
Da ging ich durch so eine Art Schwimmbad, in dem ich mich an einer Seite festhalten konnte.
Wie lange? Wofür? Keine Ahnung!

Dann ein Tag zu Hause, an dem ich, pflichtbewusst wie ich war und noch immer bin, die Leiter hinaufkletterte, um Stroh abzuladen.
Irgendwie habe ich meinen Unfall nicht erlebt.
An oben erwähntem Termin hatte ich angeblich 2 Galopprennen zu reiten. Aber in Düsseldorf war ich nicht gewesen! Mir fehlen – ärztlichen Mutmaßungen Glauben schenkend – zwei bis drei Jahre rückwirkend in meinem Gedächtnis. Als Retrograde Amnesie wird es von dem studierten Fachpersonal bezeichnet.
Laut Erinnerung: Keine Ahnung!
Die Ärzte jedenfalls meinen, dass ich gut zwei bis vier Jahre in meiner Erinnerung, meiner Leistungsfähigkeit und meiner Entwicklung etc. zurückgeworfen sei.
Zunächst einmal war ich zehn Tage im Koma.
Mein Vater meinte, dass die Ärzte die Schläuche und Kabel erst einmal noch dran lassen sollten. Er wisse selber nicht, was das Beste sei. Die meinten, dass ich – würde ich einmal wieder wach werden – Zeit meines Lebens rechtsseitig gelähmt bliebe.
Tatsache war: Ich hatte ein Schädelhirntrauma im Stammhirn, wo die Ärzte sich die Finger schmutzig gemacht hätten, bzw. zu viel gesundes überlebtes Gewebe zerstört hätten, wenn sie etwas von der Blutung abließen.
Erzählungen nach, soll ich später, während meines sechswöchigen stationären Aufenthalts, sogar einmal von der Uniklinik Düsseldorf ausgebüchst sein. Von Lähmung keine Spur! Zu diesem Zeitpunkt flog eine angriffslustige Biene durch die Umgebung, deren passendes Opfer ich Allergikerin wurde. Nun ja, irgendwann fand meine Mutter mich und lieferte mich artig wieder in der Abteilung ab. Auch diese Attacke hatte ich also überlebt.
Zwar habe ich meine Brüder wieder erkannt, doch mit den Namen hatte ich so meine liebe Not. Zuordnung war nicht mein Fall. Also vor allem Vornamen waren nicht mein Fall und so sprach ich die Besucher sämtlichst mit völlig anderen Namen an.
Was essbar ist und was eher nicht musste ich neu lernen. Denn erst einmal aß ich alles was man mir in die Hände gab. Über Servietten, Stoff und Zeitung bis hin zum Besteck etc.
Dann ein Tag – wie bereits erwähnt – zu Hause. Dann 4-6 Wochen stationär in der Reha in Köln. Dann nochmals 6 Wochen ambulante Reha-Maßnahmen, ca. 6 Wochen.
Dann zurück in die Schule. Dort begann alles etwas verwirrend für mich, denn es war kurz vor den Sommerferien, kurz vor den Zeugnissen und der Mitteilung über die Versetzung gewesen, als mir angeblich das Pferd auf den Kopf gefallen war. Es muss ein Fehler des Starters (schwenkt die Fahne als „Anpfiff“ des Rennens) gewesen sein, denn ich hatte wohl weder die Reitkappe richtig fixiert noch saßen meine Füße in den Bügeln. Aufgeklärt wurde das jedoch nie wirklich...
Nach den Sommerferien in der Schule. Zunächst auf einmal in Kursen, denn die Versetzung in die 11. Klasse hatte ich geschafft, obwohl ich zwei Tage vor Beginn der Ferien niedergestreckt wurde. Meine Eltern hatte sogar von der Intensivstation Atteste in der Schule vorlegen müssen, obwohl mehrere Zeitungen von meinem tragischen Unfall berichteten.
Ähnlich ging es dann ein gutes Jahr drauf vor sich. Seit März 1987 ritt ich wieder Rennen. Mit Vicky Furler (Vicky Furler wurde 1990 die erste Weltmeisterin im Amateur- Rennreiten.) rang ich um die Spitze der Rangliste im Amateursport. Mit jeweils 8 Siegen in Folge standen wir im September des Jahres auf der Höhe unserer Erfolge. Als ich wieder einmal plante an 2 Galopprennen teilzunehmen, kam es zu dem zweiten traurigerweise nicht mehr. Zuvor wollte ich mit einer Stute quer durch die Rennbahn durch, ich eigentlich nicht, aber der Stute war das egal, so dass sie mich links liegen ließ, also abwarf.
Ich weiß nicht durch wen, auf jeden Fall erfuhren die Ärzte, dass ich ein Jahr zuvor bereits einen schweren Unfall hatte. Daraufhin wurde ich aus Verden an der Aller, dem Ort des Geschehens, per Krankentransport in eine Spezialklinik nach Bremen eingeliefert. Noch bewusstlos schob man mich durch den Computertomographen. Scheinbar war jedoch nichts Nennenswertes hinzugekommen. Diagnose: Leichtes Schädelhirntrauma (eine schwerere Gehirnerschütterung). Zurück nach Verden also und eine Woche strenge Bettruhe verordnete man mir, inzwischen war ich wieder bei Bewusstsein.
Und weiter ging es mit der Schule.
Im Januar 1988 ging ich noch einmal zur Kontrolle für einen Monat in die Reha, um auszuschließen, dass wirklich außer des 2. leichten Schädelhirntraumas kein weiterer Schaden entstanden war.
Prognose und Empfehlung: am Besten solle ich das mit der Schule nun endgültig sein lassen und falls es unbedingt sein müsste - in diesem Fall sollte ich doch wenigstens in die 11. Klasse zurückversetzt werden. Dabei hatte ich die Versetzung in die 12 bereits geschafft.
Diese Vorschläge kamen für mich und meine Eltern überhaupt nicht in Frage. Abitur war das Mindeste.
Nach den Osterferien war ich völlig aufgelöst, denn die Ergebnisse waren deprimierend schlecht. Einen Monat lief ich orientierungslos hin und her, bis ich schließlich die beste Lösung fand: ein Wechsel auf eine Schule für Behinderte. Das war die einzige mögliche Fortbildung mit dem Ziel Abitur als Abschluss. So stellte ich mich in Köln-Müngersdorf vor. Die damalige Annahmestelle beschloss, dass ich wieder in die Jahrgangsstufe 12  gehen sollte, wegen meines erstandenen Abschlusses. Mit der Klasse sollte ich auf Jahrgangsstufenfahrt reisen, um die Umstände erst einmal besser kennen zu lernen. Nach den Sommerferien sollte ich dann wieder in die 12 gehen. Also lernte ich zwar ein paar neue Leute und wenige Lehrer kennen, doch das Abitur schaffte ich um haaresbreite gerade so. Eine 4+ statt einer 3 – im Mündlichen hätte mir eine Nachprüfung beschert. Wenigstens davor blieb ich bewahrt.
Als nächstes gab es da noch das Arbeitsamt, das mich zur Berufsfindung nach Neuwied schickte. Es gab so Verschiedenes zur Auswahl. Ich entschied mich und absolvierte eine Ausbildung zur Industriekauffrau in 2 1/2  Jahren. Zur Übergangszeit arbeitete ich für 3 Monate als „billige Hilfskraft“ im väterlichen Betrieb bis ich meinen Weg zu Stollwerck fand. Hier arbeite ich nunmehr seit 16 Jahren. In der Anfangszeit war ich noch für einen Monat in Ungarn, um die Sprache als Grundbaustein neben English und Französisch zu erlernen, denn ich hing noch meinem Wunsch Tierärztin zu werden nach. Als mich das „Studienamt“ schließlich „verprellte“ , so dass ich meine Rechte nur mit einer Klage gegen sie auf der falschen Fährte zu sein, hätte durchsetzen können. Gerichte und Rechtsanwälte waren mir zu unflexibel und vor allem zu teuer, worauf ich die Ablehnung akzeptierte und mich der Entscheidung fügte.
Nun bin ich noch Schwerbehindetenvertretung im Betrieb und habe mich mit den Rechten dieser Gruppe auseinanderzusetzen.
Zum Abschluss sei noch zu erwähnen, dass es für mich persönlich okay war – zwischen dem Hier und dem Dort gewesen zu sein – da ich mich auf der „Scheinwolke“ im Niemandsland befand und nichts verspürte! Scheinbar nur diejenigen mit denen ich zu den jeweiligen Zeiten zusammen das Leben bestritt, bzw. die mich kannten – hatten immense Sorgen...